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Was bedeutet anthroposophische Pflege?

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort
Unsere Sicht des Alterns und der letzten Lebensphase
Worin wir unsere Aufgaben in der Pflege sehen
Grundprinzipien unseres pflegerischen Handelns
Individuelle Pflege
Körperpflege als Brücke zum Seelischen - Geistigen
Hülle bilden und Geborgenheit vermitteln
Tragfähige, soziale Beziehungen fördern
Orientierungsmöglichkeiten anbieten
Sterbebegleitung
Begleitung der Angehörigen

 

 

 

Auszug aus dem Pflegekonzept des Hermann-Keiner-Hauses

 

Vorwort

 

Das Pflegekonzept für die stationäre Pflege im Hermann- Keiner - Haus dient der gemeinsamen Orientierung aller in den Pflegebereichen arbeitenden Mitarbeiter/innen. Es ist uns Richtschnur bei unserer täglichen Arbeit, insbesondere in unserer Qualitätszirkelarbeit.

 

Das Pflegekonzept hat seine Wurzeln im Träger-Leitbild des Hermann- Keiner- Hauses und konkretisiert die dort enthaltenden Wertvorstellungen und Grundsätze für die Pflege. Das Pflegeleitbild wird derzeit durch eine Arbeitsgruppe erstellt.

 

Unsere Sicht des Alterns und der letzten Lebensphase

 

Die letzte Lebensphase vor dem Tod ist vielleicht die schwierigste und bedeutsamste im Leben eines Menschen. In ihr muss sich jeder Mensch damit auseinandersetzen, dass seine Lebenskräfte nachlassen, er häufig auch gebrechlich und hilfebedürftig wird. In der einen oder anderen Weise stellt sich jedem die Aufgabe, loszulassen und zu lernen, Verluste zu verkraften.
Jedoch besteht auch im höchsten Alter noch die Möglichkeit, in seiner Persönlichkeit zu wachsen, indem man körperliche Einschränkungen und Behinderungen annehmen lernt, sich mit dem Leben, so wie es eben war, auseinandersetzt oder sich die Frage stellt, was nach dem Tod kommt.
Bis zum Lebensende können neue Einsichten errungen und kann neuer Lebenssinn gefunden werden. Unsere Arbeit beruht auf der Überzeugung, wie wir sie aus dem anthroposophischen Menschenbild nach Rudolf Steiner annehmen, dass in jedem Menschen eine geistige Individualität lebt, die unsterblich ist.
 Sie wird weder krank noch altert sie. Alt und schwächer werden nur der Körper und die ihn erhaltenden Lebensfunktionen, zu denen auch die Gedächtniskräfte gehören.
Selbst im Umgang mit Menschen, die sehr schwer behindert oder dementiell erkrankt sind, machen wir immer wieder die Erfahrung, dass in der Auseinandersetzung mit dem Erlebnis des Alterns eine seelisch- geistige Weiterentwicklung möglich ist und als die biographische Aufgabe
dieses Lebensabschnittes angesehen werden muss. Wir sind davon überzeugt, dass alle schicksalhaften Ereignisse, die einen Menschen treffen, auch schwerste
Behinderungen und Einschränkungen, für diesen Menschen ihre tiefere Bedeutung haben.
Sie machen sein Leben nicht sinnlos, sondern können im Gegenteil gerade Anstoß sein, einen neuen Lebenssinn zu finden oder innerlich zu reifen, auch wenn wir dies von außen nicht immer wahrnehmen können.
Wir lehnen deshalb alle Bestrebungen ab, deren Ziel es ist, das Leben bei schwerem Leiden zu verkürzen. Der Tod ist für uns nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Lebens. Wir sehen in ihm ein bedeutendes, biographisches Wandlungsereignis, den Übergang der Individualität des Menschen
in eine andere Daseinsform.

Worin wir unsere Aufgabe in der Pflege sehen

 

Für uns heißt: „Einen alten Menschen pflegen“, ihn in seinem Schicksal bis zum Tod zu begleiten,
bei allen Aufgaben und Herausforderungen, die sich ihm in seiner letzten Lebensphase stellen.
Die Pflege ist deshalb für uns immer mehr als bloße, äußerliche Dienstleistung im Sinne von Service und hotelähnlicher Versorgung, und sie geht in ihrer Bedeutung für den Menschen auch über das Erfüllen der physischen Bedürfnisse weit hinaus.

Grundprinzipien unseres pflegerischen Handelns

 

Für unsere pflegerischen, betreuerischen und therapeutischen Angebote sind uns folgende Handlungsprinzipien besonders wichtig /> Wir bemühen uns, jeden Menschen, der bei uns lebt, aus seiner Biographie heraus zu verstehen.
Das setzt ein liebevolles Interesse für jeden Menschen voraus, ebenso wie ein ernsthaftes und taktvolles Betrachten seiner Lebensgeschichte.
In der Beziehung zwischen Pflegenden und Bewohnern streben wir ein partnerschaftliches, gleichberechtigtes Verhältnis an.
In unserem Hause hat jeder Mensch Anspruch auf die Achtung seiner Persönlichkeit,
seiner Souveränität und Würde, auch wenn er sich nach geltenden Maßstäben ungewöhnlich benimmt, unsere Realität nicht mehr teilt oder sich kaum mehr äußern kann.
Wir achten die Weltanschauung eines Menschen und respektieren seine persönlichen Eigenheiten und Grenzen, die der Bewohner uns gegenüber stellt.

Menschen, die bei uns wohnen, sollen ihr Leben leben und keines nach unseren Vorstellungen oder Anschauungen. Wir anerkennen die Souveränität eines jeden Menschen, zu entscheiden, was für ihn gut ist, und sehen unsere Aufgabe darin, ihn zu begleiten und zu beraten, nicht, ihn zu überreden oder zu erziehen.
Kann jemand selbst keine Verantwortung mehr für sein Handeln übernehmen, handeln wir für ihn so, wie wir meinen, dass er es selbst tun würde.

In unserer Arbeit suchen wir immer wieder nach Wegen, uns in der Begegnung mit einem Menschen an seiner Individualität zu orientieren, seinen gesunden Wesenskern anzusprechen und diesen von seinem gebrechlichen Körper zu unterscheiden.

Deshalb gehen wir mit Bewusstseinsdämpfenden Medikamenten so behutsam wie möglich um, da nur so eine Chance besteht, die Individualität des Menschen zu erreichen. Handlungsleitend für unsere Pflege ist immer die Situation und die Befindlichkeit des einzelnen Bewohners.
Dies gilt sowohl für die tägliche Pflege und Betreuung, als auch für die langfristige Pflegeplanung. Wir verfolgen deshalb keine einheitlichen, eher allgemeine und statischen Pflegeziele, sondern bemühen uns, für jeden Menschen, wenn möglich mit ihm zusammen, die individuellen Pflegeziele herauszufinden, die für ihn die richtigen sind.
Therapeuten und Pflegende müssen inhaltlich intensiv zusammenarbeiten, aus diesem Verständnis ergeben sich für uns folgende pflegerische Aufgaben:

Verbliebene Fähigkeiten fördern und bei Bedarf unterstützen.
Mit unserer Pflege wollen wir die verbliebenen Fähigkeiten stützen, nicht ersetzen.
Wir wollen dem Menschen Hilfe anbieten in den Bereichen, die er nicht mehr allein bewältigen kann - bei der Körperpflege, bei der Tagesgestaltung und in der Begleitung schwieriger Lebensfragen.

Wenn hierfür andere Berufsgruppen gefragt sind, bemühen wir uns um entsprechende Vermittlung.

Individuelle Pflege:

 

Es ist für uns wesentlich, genau herauszufinden, was jeder einzelne alte Mensch braucht, welche Vorstellungen und Wünsche er für sein Leben in unserem Hause mitbringt, welche festen Gewohnheiten er hat, wo seine persönlichen Empfindsamkeiten liegen. Soweit es geht, wollen wir diese in der Pflege berücksichtigen, denn wir möchten so individuell wie möglich auf die Bedürfnisse und die Situation des einzelnen alten Menschen eingehen und ihm die Unterstützung und Förderung geben, die er gerade braucht.

Körperpflege als Brücke zum Seelisch –Geistigen:

 

Jede Pflegehandlung, jede Hilfestellung sowie alle betreuerischen und therapeutischen Angebote wirken nicht nur auf den Körper, sondern auf den ganzen Menschen.
Die Art, wie Pflege, Betreuung und Therapie durchgeführt oder angeboten werden, beeinflusst das körperliche und seelische Wohlbefinden eines Menschen. Besonders dann, wenn wir einen Menschen nicht mehr vorrangig über die Sprache, sondern im wesentlichen nur noch durch die Pflege und Berührung des Körpers erreichen können, nutzen wir die Pflege als Brücke zur Individualität dieses Menschen.
Körperpflege ist in diesem Sinne immer auch ein therapeutisches Mittel.

Hülle bilden und Geborgenheit vermitteln:

 

Wir halten es für unsere Aufgabe, unser Handeln und die Lebensumgebung im Hermann- Keiner- Haus so zu gestalten, dass jeder, der bei uns lebt, sich sicher, aufgehoben und zu Hause fühlen kann. Es kommt uns deshalb darauf an, eine soziale Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen und Geborgenheit ausstrahlt und einen Raum bildet, in dem ein alter Mensch „So sein kann“ und „So akzeptiert wird“, wie er auch in seiner Gebrechlichkeit, Desorientiertheit und Besonderheit ist.

Tragfähige, soziale Beziehungen fördern:

 

Viele unserer Bewohner brauchen im Hause tragfähige, soziale Beziehungen, um mit ihrer Situation zu recht zu kommen, ihr seelisches Gleichgewicht zu finden und sich geborgen zu fühlen. Wir möchten durch bewusste, soziale Gestaltung, durch betreuerische und therapeutische Angebote, solche Beziehungen zwischen den Menschen anregen, auch durch die Pflege selbst solche Vertrauen gebenden Beziehungen zwischen Bewohnern und Pflegenden aufbauen.

Orientierungsmöglichkeiten anbieten:


Als besondere Aufgabe betrachten wir es, die Menschen, die sich in ihrer letzten Lebensphase immer mehr aus unserer Realität zurückziehen, desorientiert oder dementiell erkrankt sind, angemessen zu begleiten. Wir suchen beständig nach therapeutischen Möglichkeiten und Betreuungsformen, die ihre Persönlichkeit stützen und die Individualität des einzelnen ansprechen:
In der Pflege versuchen wir das, indem wir bewusst das Seelische, die Ich -Kräfte und die Sinne ansprechen und helfen, das Zimmer und die Umgebung des Bettes so persönlich wie möglich einzurichten.
In der Tagesgestaltung können wir durch einen geregelten Tagesablauf, durch Wochenrhythmen und Jahresfeste orientierend wirken. Wir suchen betreuerische Formen, die das Eintauchen in die eigene Lebensgeschichte ermöglicht, Erinnerungen wachruft und ordnet.
Hierbei werden die Pflegenden durch den gruppenübergreifenden sozialtherapeutischen Dienst unterstützt.
Ziel dieser Arbeit ist es, Begegnungen der alten Menschen untereinander zu fördern und zu begleiten.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei in der Kontaktaufnahme selbstständiger alter Menschen mit verwirrten und psychisch veränderten Bewohnern. In Gruppenaktivitäten soll mehr Akzeptanz untereinander erreicht werden und Spaß und Freude sollen helfen, Berührungsängste abzubauen.

Für die Gestaltung des Morgenkreises auf dem Wohnbereich sind uns die morgendlichen Eindrücke ein wichtiger Hintergrund, um sie eventuell als Gesprächsstoff bei der Arbeit wieder aufzunehmen.
So beziehen wir zum Beispiel freudige Anlässe wie Geburtstage oder Jahresfeste, aber auch Themen wie Sterben, Krankheit und Heimweh immer wieder in den Morgenkreis zum Gespräch mit ein, weil sich die täglichen Empfindungen der Bewohner häufig damit beschäftigen.
Die Pflege des kulturellen Lebens im Haus, die Gestaltung der Jahresfeste, das Anbieten von Vorträgen, Konzerte, Liedernachmittage und das Zusammenführen der Generationen (insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Kindergarten), heben den alten Menschen aus dem Alltag heraus, knüpfen an Erinnerungen an und vermitteln Neugier und Lebensfreude.

Sterbebegleitung


Wir halten es für eine unserer wesentlichen Aufgaben, die Menschen in der Sterbephase und bei den damit verbundenen existenziellen Fragen besonders intensiv zu begleiten und einen dafür angemessenen Rahmen zu schaffen.
Dazu gehört auch, nach dem Tode respektvoll mit dem Leichnam umzugehen und den Verstorbenen würdig zu verabschieden.

Begleitung der Angehörigen


Auch den Begleitern und Betreuern unserer Bewohner als primäre Bezugspersonen stehen wir bei Bedarf zur Seite, denn oftmals brauchen auch sie unsere Unterstützung, um die Veränderungen ihrer Angehörigen besser verstehen zu lernen und mit dem nahenden Lebensende zurecht zu kommen.
Uns ist bewusst, dass unser Konzept einen Prozess darstellt, der immer wieder aufs Neue ergänzt, erweitert und angepasst werden muss. Dieses insbesondere im Hinblick auf die immer knapper werdenden finanziellen Mittel, die für unser Gesundheitssystem zur Verfügung stehen.

Das vollständige Pflegekonzept kann bei Heimaufnahme ausgehändigt werden.
Dortmund, 10. Oktober 2003 Aktualisiert: 01.03.2005