Rudolf Steiner – eine biographische Skizze

Rudolf Steiner -
bekannt geworden als Goetheforscher und Begründer der „Anthroposophischen Geisteswissenschaft“ wurde am 25. Februar 1861 in Kraljevec, einem kleinen Ort in der damaligen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie als das älteste Kind der Familie geboren.
Vater und Mutter stammten aus dem „Waldviertel“, einer Landschaft nordwestlich von Wien. Der Vater war als Angestellter der kurz zuvor gebauten Südbahnstrecke der österreichischen Staatsbahn dorthin gekommen; es war seine erste Stelle, zuvor war er „Jäger“ bei einem Grafen in seiner Heimatstadt Horn im Waldviertel.
Durch mehrfache Versetzungen des Vaters lebte Rudolf Steiner an mehreren Orten der niederösterreichischen Landschaften, mehr oder weniger weit entfernt von der kaiserlichen Hauptstadt Wien. Nach dem mit Auszeichnung absolvierten Abitur auf einem naturwissenschaftlich orientierten Oberrealgymnasium in Wiener Neustadt, studierte Rudolf Steiner Naturwissenschaften an der Wiener Universität.
Seinen Lebensunterhalt verdiente er jahrelang als Hauslehrer mehrerer Söhne eines Wiener Baumwollhändlers. Da Rudolf Steiner wegen seiner hohen Begabung bereits mit 21 Jahren (1882) zum Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes berufen wurde, lebte er ab 1890 in Weimar und arbeitete dort am Goethe-Schiller-Archiv. So konnte Steiner sein Universitätsstudium nicht mit einem Diplom oder einer Promotion abschließen. In den Jahren 1986 bis 1897 erschienen bereits – neben den umfangreichen Kommentaren zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften eigene grundlegende philosophische Werke Steiners, darunter auch seine Doktorarbeit, mit der er 1891 zum philosophischen Doktor promovierte.
Ab 1897 – nach dem Abschluss der Goethearbeiten in Weimar – lebte Rudolf Steiner in Berlin bis nach dem ersten Weltkrieg. Von 1897 bis 1902 wirkte er dort in vielfältigen Zusammenhängen des Berliner literarischen und kulturellen Lebens. Neben der Herausgeberschaft für ein literarisches Magazin betätigte er sich als Publizist, Rezensent und im Kreise damaliger avantgardistischer Dramatiker.
Außerdem fiel in diese Zeit eine intensiver Begegnung mit
dem Werk Nietzsches und die Herausgabe eines Buches über Nietzsche
sowie einer umfangreichen Darstellung der philosophischen
Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts.
Von 1900 bis 1905 war Rudolf Steiner als Dozent an
der von Karl Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule tätig.
Dort gab er - insbesondere jungen bildungshungrigen Arbeitern -
Unterricht in Geschichte und Literatur, ferner Übungen in mündlicher
Rede und schriftlicher Äußerung.
Im Herbst 1902 übernahm Rudolf Steiner als deren Generalsekretär die Gründung und Leitung der Deutschen Sektion der internationalen, bislang vorwiegend im englischsprachigen Raum Europas und in Amerika wirkenden „Theosophischen Gesellschaft“; sie war 1875 in New York gegründet worden.
In dem damit gebotenen gesellschaftlichen Rahmen
konnte Rudolf Steiner seine eigene „Weltanschauung“
entwickeln und fand insbesondere dafür den zunehmend sich
erweiternden Umkreis der dem Geiste als Wissenschaft
zugewandten Menschen. Von 1902 bis zu seinem Tode entwickelte er in
ständiger Erweiterung und Vertiefung die von ihm so genannte
„Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft“.
Diese über zwei Jahrzehnte umfassende Wirksamkeit kann in drei Abschnitten gesehen werden: Von 1902 bis 1909 legte er sowohl in gedruckten Büchern wie in zahllosen Vorträgen die umfassenden Grundlagen der Geisteswissenschaft. In ihr verbinden sich geistige Gesichtspunkte der Menschenkunde mit denen einer weit ausgreifenden Kosmologie.
Diese Epoche schließt in einem gewissen Sinne ab
mit dem Erscheinen seines großen Werkes:
„Die
Geheimwissenschaft im Umriss". In der kommenden Epoche
von 1909 bis ca. 1917 entfaltete Rudolf Steiner
seine umfassende Christologie. Er eröffnete damit ein ganz neues
Verständnis für das Wesen des Christus und dessen Bedeutung für die
Menschheit und deren zukünftige Entwicklung im Zusammenhang mit der
kosmischen Welt.
Damit einher ging seine erst jetzt zu Tage
tretende künstlerische Produktivität. So fällt in diese Zeit die
Entstehung der Eurythmie als Bewegungskunst, die Konzeption der vier
Mysteriendramen und der Bau des ersten Goetheanums.
In einer
dritten Epoche – etwa ab 1917 – entfaltete Rudolf Steiner
eine in die zeitgenössische soziale Welt eingreifende
Kulturtätigkeit.
Dazu gehörten: die Entwicklung einer neuen
Pädagogik mit der Begründung der ersten Waldorfschule; die
Anregungen für eine aus der Geisteswissenschaft erweiterten Medizin;
die Initiativen für eine naturgemäße Landwirtschaft und die Hilfen
bei der Neubegründung einer religiösen Bewegung
(„Die
Christengemeinschaft“).
Darüber hinaus versuchte Rudolf Steiner mit der sozialgestalterischen Bewegung für die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ in den Wirren der Nachkriegszeit in der breiten Öffentlichkeit Impulse für eine politische und gesellschaftliche Neuorientierung zu geben.
Weihnachten 1923 wurde die Anthroposophische Gesellschaft in Dornach / Schweiz neu begründet, Rudolf Steiner war nunmehr ihr erster Vorsitzender. Nach einem weiteren Jahr überdimensionalen Schaffens erkrankte Steiner an Erschöpfung und starb nach einem halbjährigen Krankenlager am 30. März 1925.
Er hinterließ ein Riesenwerk und eine unglaubliche Fülle geistiger und praktischer Anregungen für nahezu alle Kulturgebiete. Die Anthroposophische Gesellschaft und eine große Anzahl so genannter „Tochterbewegungen“ in verschiedenen Gruppierungen, haben sich die Pflege und Ausarbeitung der von Rudolf Steiner ausgehenden Anregungen zur Aufgabe gemacht.
Dr. med. Klaus Dumke
(Mitglied des Vorstandes)
im Juni 2003
